„Dein Baby muss lernen, alleine einzuschlafen.“ „Du darfst nicht bei jedem Weinen sofort reagieren.“ Rund um den Babyschlaf gibt es erstaunlich viele Regeln – und ebenso viele Trainings, Bücher und Kurse, die Eltern versprechen, ihrem Kind das Ein- oder Durchschlafen beizubringen.

Ich empfehle Familien in meiner ärztlichen Beratung in der Regel kein klassisches Schlaftraining. Nicht, weil sich für jedes Schlaftraining ein Schaden nachweisen ließe. Die Studienlage ist dafür nicht eindeutig genug. Sondern weil wir zunächst verstehen sollten, warum Babys überhaupt so schlafen, wie sie schlafen.

Was versteht man unter Schlaftraining?

Der Begriff umfasst sehr unterschiedliche Methoden. Beim klassischen verhaltensorientierten Schlaftraining soll ein Baby oder Kleinkind lernen, ohne seine gewohnte elterliche Unterstützung einzuschlafen und nach nächtlichem Erwachen wieder selbstständig in den Schlaf zu finden.

Bekannte Varianten arbeiten mit festgelegten Zeitintervallen: Das Kind wird wach ins Bett gelegt, die Eltern verlassen den Raum und reagieren auf Weinen erst nach einer bestimmten Zeit. International ist insbesondere die Ferber-Methode bekannt; in Deutschland wurde unter anderem das Buch Jedes Kind kann schlafen lernen populär.

Davon unterscheiden sollte man Schlafberatung, Schlafhygiene oder Veränderungen von Tagesrhythmus und Abendroutine. Nicht jede Unterstützung bei Schlafproblemen ist Schlaftraining.

Warum Babys nachts nach uns rufen

Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist das Verhalten eines Babys zunächst ausgesprochen logisch. Ein menschlicher Säugling ist vollständig von anderen Menschen abhängig. Über den größten Teil unserer Entwicklungsgeschichte bedeutete die Nähe einer Bezugsperson Wärme, Nahrung und Schutz. Allein zurückzubleiben konnte dagegen eine reale Gefahr darstellen.

Dass ein Baby aufwacht, sich rückversichert und nach seiner Bezugsperson ruft, ist deshalb zunächst einmal kein erlerntes Fehlverhalten und keine schlechte Schlafgewohnheit. Wir erwarten heute teilweise etwas von sehr kleinen Kindern, das evolutionär betrachtet ausgesprochen ungewöhnlich ist: viele Stunden allein und möglichst ohne Rückversicherung zu schlafen.

Nächtliches Aufwachen ist nicht automatisch eine Schlafstörung

Auch Erwachsene schlafen nicht acht Stunden „durch“. Unser Schlaf besteht aus verschiedenen Schlafzyklen. An deren Übergängen kommt es immer wieder zu kurzen Aktivierungen oder Wachmomenten – bei Erwachsenen meist so kurz, dass wir uns morgens nicht daran erinnern.

Auch Babys durchlaufen Schlafzyklen. Ihre Schlafarchitektur unterscheidet sich noch von der eines Erwachsenen und verändert sich während der ersten Lebensjahre erheblich. Mit der neurologischen Reifung gelingt es vielen Kindern zunehmend besser, nach kurzen Wachmomenten wieder in den Schlaf zu finden. Das ist zu einem erheblichen Teil Entwicklung – nicht Training.

Einschlafbegleitung ist keine schlechte Gewohnheit

Ein Baby an der Brust einschlafen zu lassen, es zu tragen, zu kuscheln oder neben ihm zu liegen, wird Eltern teilweise als problematische „Schlafassoziation“ vermittelt. Ich sehe das differenzierter.

Wenn eine Einschlafbegleitung für Kind und Eltern funktioniert, besteht nicht automatisch ein medizinischer Grund, sie vorsorglich abzutrainieren. Natürlich verändern sich Bedürfnisse. Was mit sechs Monaten wunderbar funktioniert, kann mit zwei Jahren für eine Familie sehr anstrengend geworden sein. Dann darf man Routinen verändern und Grenzen setzen. Aber das ist etwas anderes als die Vorstellung, ein Baby müsse möglichst früh lernen, ohne Co-Regulation auszukommen.

Bindungsorientiert heißt nicht: bei jedem Geräusch aufspringen

Gleichzeitig müssen Eltern nicht auf jedes Grunzen oder Meckern sofort reagieren. Babys sind im Schlaf erstaunlich aktiv. Sie bewegen sich, machen Geräusche, öffnen manchmal kurz die Augen oder protestieren für einen Moment, ohne wirklich vollständig wach zu sein.

Wer bei jedem Geräusch sofort Licht macht, spricht oder das Kind hochnimmt, kann es manchmal sogar erst richtig wecken. Deshalb darf man durchaus einen Moment beobachten: Ist mein Kind wirklich wach und braucht mich – oder befindet es sich gerade nur zwischen zwei Schlafphasen? Das hat nichts damit zu tun, ein weinendes Baby bewusst allein zu lassen.

Aber was, wenn wir als Eltern nicht mehr können?

Das ist für mich der entscheidende Punkt. Bindungsorientierung darf nicht bedeuten, dass Eltern über Monate völlig erschöpft funktionieren müssen.

Wenn ein Kind extrem häufig erwacht, stundenlange Einschlafbegleitungen benötigt, ungewöhnlich unruhig schläft oder die Schlafsituation die ganze Familie erheblich belastet, sollte man genauer hinschauen. Je nach Situation können beispielsweise Tagesrhythmus und Schlafdruck, Entwicklungsphasen, Ernährung, körperliche Beschwerden oder Erkrankungen eine Rolle spielen.

Holt euch Unterstützung – aber möglichst bei qualifiziertem Fachpersonal. Kinderärzt:innen, Hebammen und entsprechend qualifizierte Fachpersonen für kindlichen Schlaf können helfen, zunächst die Ursache und die individuelle Familiensituation zu betrachten, bevor einfach ein Trainingsprogramm begonnen wird.

Schadet Schlaftraining der Bindung?

Auch hier ist mir eine differenzierte Antwort wichtig. Ich halte wenig von der Aussage, Schlaftraining verursache nachweislich Bindungsstörungen, erhöhe dauerhaft den Cortisolspiegel oder führe zwangsläufig zu langfristigen psychischen Schäden. So eindeutig ist die wissenschaftliche Datenlage nicht.

Es gibt Studien zu verhaltensorientierten Schlafinterventionen, die Verbesserungen des kindlichen Schlafs und teilweise auch der elterlichen Belastung zeigen, ohne dass in den untersuchten Gruppen langfristige Nachteile bei Bindung oder Verhalten nachgewiesen wurden. Gleichzeitig sind Langzeitfolgen, Stressreaktionen und die Unterschiede zwischen verschiedenen Methoden und verschiedenen Kindern schwierig zu untersuchen.

„Nicht als schädlich nachgewiesen“ bedeutet deshalb genauso wenig „für jedes Kind sinnvoll“ wie umgekehrt.